Baden-Württemberg: Schulen ohne Microsoft?

Grabenkämpfe um Bildungsplattform

Wer sich zur Situation in Baden-Württemberg äußert, bewegt sich erfahrungsgemäß auf ganz dünnem Eis! Microsoft-Gegner und -Befürworter streiten sich mal wieder seit Monaten, ob Software wie Teams, OneNote und Office 365 in Schulen genutzt werden darf und sollte. Ausgetragen werden die Grabenkämpfe nicht nur hinter den Kulissen: Im Internet kann man sich fast täglich von den verhärteten Fronten überzeugen – inklusive der üblichen Emotionen und Beschimpfungen in den Sozialen Netzwerken, über die ich hier im Blog auch schon berichtet habe.

Um die Situation rund um die geplante „Bildungsplattform“ besser zu verstehen, habe ich mich in den vergangenen Wochen mit einigen betroffenen Lehrer*innen in Baden-Württemberg ausgetauscht – übrigens mit Vertretern beider Lager. Sie haben zumindest gemeinsam, dass sie mit der unklaren Lage im Land unzufrieden sind und ziemlich genervt auf die Debatte um Microsoft 365 in Schulen reagieren. In diesem Blog-Artikel fasse ich den Stand der Dinge aus meiner Sicht zusammen und ordne ihn aus verschiedenen Perspektiven ein – an manchen Stellen sicher verkürzt dargestellt. Zum besseren Verständnis empfehle ich Dir einen Blick auf die jeweils verlinkten Beiträge.


Wer steht wie zu Microsoft 365 in Schulen?

  • Rund 30 Prozent der Schulen in Baden-Württemberg arbeiten laut Schätzung des Kultusministeriums mit Microsoft 365. Sie sind offenbar ziemlich zufrieden damit, wie immer wieder zu hören und zu lesen ist. Eine umfassende Befragung zur Zufriedenheit an Schulen mit allen jeweils verfügbaren Tools gibt es bislang leider nicht. Warum eigentlich nicht?
  • Trotzdem sind viele Schulen verunsichert: Dürfen sie in Zukunft noch mit Microsoft 365 Education arbeiten? Welche rechtlichen Konsequenzen hätte die Nutzung dann für sie? Gibt es Wege, die beliebten Office-Programme ohne personenbezogene Daten zu nutzen? Gerade in der Corona-Pandemie haben viele Schulen von sofort verfügbaren Tools wie Microsoft Teams und OneNote profitiert. Lehrer*innen, Schüler*innen und auch Eltern konnten schnell darauf geschult werden und sind jetzt mit dem Software-Paket vertraut. Eine erneute Umstellung mit allen daraus resultierenden Folgen empfinden sie in der aktuellen Situation als Zumutung.

  • Das zuständige Kultusministerium steht nun unter Zugzwang und irgendwie auch zwischen den Stühlen: Man will einerseits die Bedürfnisse und Wünsche vieler Schulen berücksichtigen und endlich eine professionell funktionierende Bildungsplattform anbieten. Diese sollte zunächst eben auch Teile von Microsoft 365 enthalten, so der Plan noch vor einigen Monaten. Andererseits muss das Angebot in Zukunft natürlich rechtssicher nutzbar sein. Ausbaden muss das Dilemma nun wohl die neue Landesregierung in Baden-Württemberg (s. u.).

Laute Lager kämpfen für ihre Interessen

  • Ausgewogene Berichterstattung findet man zu dem Thema kaum, meinen die oben erwähnten Schulleiter in ihrem TV-Interview. Ich teile den Eindruck: Microsoft-Bashing ist für viele Medien offenbar ein beliebter Klick-Bringer – gerade im Technologie-Bereich. Die immer gleiche Erzählung: Böser Konzern, heile Open-Source-Welt! Online-Redaktionen verbreiten die Pressemitteilung der Datenschützer munter, ohne die genauen Ergebnisse zu kennen oder die Vorgehensweise der Behörde zumindest mal zu hinterfragen. Manche Journalisten machen im Netz gar keinen Hehl daraus, dass sie in der Frage parteiisch sind. Sie blasen bereitwillig ins Kampagnen-Horn der Interessensverbände. Nur die wenigsten machen sich die Mühe, mal mit betroffenen Schulen vor Ort über deren Erfahrungen mit unterschiedlicher Software zu sprechen.
  • Und wie äußert sich Microsoft zur Diskussion? Laut Landesdatenschützer Dr. Stefan Brink sei der Austausch mit den Konzernvertretern in Deutschland und in den USA zwar jederzeit professionell, engagiert und konstruktiv gewesen. Auch mit dem Kultusministerium steht das Unternehmen offenbar noch in Kontakt. Eine öffentliche Stellungnahme von Microsoft gibt es dazu aber aus eigenem Antrieb (meines Wissens) nicht. Mit dem Ergebnis der jüngsten Datenschutzprüfung kann man dort sicher nicht zufrieden sein. So verliert Microsoft im schlimmsten Fall nicht nur die in der Pandemie für sich gewonnenen Schulen: Die Nicht-Kommunikation gefährdet aus meiner Sicht auch das Vertrauen bislang loyaler Nutzer im Bildungsbereich. Hat man denn wirklich keine Ahnung, welche personenbezogenen Daten von Lehrern und Schülern bei der Nutzung Microsoft 365 Education verarbeitet und weitergeleitet werden?

Wie geht’s weiter in Baden-Württemberg?

Der Ball liegt jetzt bei der neuen Kultusministerin. Für das bisherige Chaos ist Theresa Schopper natürlich nicht verantwortlich. Trotzdem ist der Druck nach den Chaos-Jahren groß: Es muss der Grünen-Politikerin endlich gelingen, eine zufriedenstellende Bildungsplattform für Schulen in Baden-Württemberg an den Start zu bringen. Auf der offiziellen Website des Ministeriums findet man von ihr zum Antritt nur ein ziemlich inhaltsleeres Statement: „Den Begriff Digitalisierung sollten wir weiter mit Leben füllen, pragmatisch, nah an der Schulrealität und zügig.“

Nur: Wie „pragmatisch“ kann eine Entscheidung ausfallen, die in jedem Fall vielen Beteiligten vor den Kopf stoßen wird? Welche „Schulrealität“ soll eigentlich der Maßstab sein, wenn Lehrkräfte diese doch so unterschiedlich erleben? Auch der Begriff „zügig“ ist bekanntermaßen dehnbar: Der Aufbau der Bildungsplattform sollte nach letztem Stand erst im Frühjahr 2023 abgeschlossen sein. Die weitere Umsetzung hängt sicher auch davon ab, wie viel Geld Theresa Schopper für diese Bildungsplattform zur Verfügung steht. Man kann der neuen Kultusministerin nur ein gutes Händchen für die Kommunikation zwischen allen Interessensgruppen wünschen.

Datenschutz mit Augenmaß, Chance für Medienkompetenz

Ich bin bekanntermaßen kein Freund von „entweder/oder“-Entscheidungen. Schließlich haben auch in Baden-Württemberg beide Lager gute Argumente und Gründe für ihre jeweils bevorzugte Lösung – mit und ohne Microsoft-Software. Meine persönliche Meinung wiederhole ich deshalb auch in diesem Blog-Artikel gerne: Schüler*innen sollten SOWOHL freie und unabhängige Tools ALS AUCH kommerzielle und etablierte Software kennenlernen. Zur Medienkompetenz gehört es nämlich, verschiedene gängige Programme sicher zu bedienen, deren jeweilige Vor- und Nachteile einzuschätzen und dann als mündige Nutzer*innen selbst eine Entscheidung für das richtige Werkzeug treffen zu können.


Das Thema Datenschutz lässt sich dabei zudem wunderbar im Unterricht unterbringen. Berufsvorbereitend halte ich den Umgang mit Microsoft Office für unverzichtbar, solange die Programme Standard in vielen Unternehmen sind. Schule darf keine Parallelwelt sein und per se alles ausklammern, was ihr anrüchig erscheint. Lehrende müssen immer auch im Blick behalten, welche Kenntnisse die moderne Lebens- und Arbeitswelt erfordert. Diese zu lehren, klappt auch ohne personenbezogene Daten.

„Datenschutz ist wichtig, muss aber mit Augenmaß betrieben werden.“ – so schreiben es die Schüler in ihrer Online-Petition. Hinter diesem Satz steckt auch die verbreitete Wahrnehmung, dass Datenschützer eher Verhinderer als Möglichmacher sind. Dabei werden deren meist sachlichen Einschätzungen oft nur von Lobbyisten zur eigenen Bestätigung interpretiert und instrumentalisiert, um politisch gewollte Entscheidungen durchzusetzen.

Während das Tauziehen der Microsoft-Gegner und -Befürworter in Baden-Württemberg also noch weitergeht, sind es vor allem engagierte Lehrkräfte im Land, die sich Tag für Tag um die technische Infrastruktur in ihrer Schule kümmern – meist zusätzlich nebenbei, vielleicht honoriert mit „Ausgleichsstunden“. Auch ihnen ist zu wünschen, dass sich alle Beteiligten endlich wieder mehr aufeinander zu bewegen und vor allem Verständnis für die jeweiligen individuellen Bedürfnisse vor Ort zeigen. Bei Grabenkämpfen gibt es nämlich nur eines ganz sicher: Verlierer auf beiden Seiten.

Übrigens: Dies ist ein unabhängiges Blog-Projekt. Alle Artikel stelle ich Dir kostenlos zur Verfügung. Vielleicht magst Du meine Arbeit ja unterstützen oder mir zumindest mal einen Kaffee spendieren … ☕😉

Hinweis auf PayPal

4 Gedanken zu „Baden-Württemberg: Schulen ohne Microsoft?“

  1. „Vielleicht magst Du meine Arbeit ja unterstützen oder mir zumindest mal einen Kaffee spendieren“

    Halt ich für unverfroren. Zahlt etwas MS nicht für diese Werbeschrift?

    Antworten
  2. Dem kann ich nur zustimmen!
    Ja, unbedingt in eine eigene Lösung investieren, wir haben viel zu lange, viel zu wenig in diesem Bereich gemacht und uns auf die großen Konzerne in USA verlassen. Aber diese dann über ein Verbot der Konkurrenz vorschreiben? Was soll das? Wenn sie wirklich gut ist – mindestens so gut, wie das MS-Produkt und dann sogar noch datenschutzkonform – dann wird sie sich in den Schulen auch durchsetzen!
    Und wie ich immer sage: Datenschutz fängt nicht erst beim eingesetzten LMS an. Alle LMS laufen auf Browsern und diese auf einem Betriebssystem. Datenschutz heißt, den SuS die Kompetenz zu vermitteln, selbstständig zu entscheiden und auf allen Ebenen der IT die für sie passenden Einstellungen vorzunehmen. Datenschutz im „Helikoptermodus“ ist kein Schutz, sondern Bevormundung und widerspricht dem Bildungsauftrag.

    PS: Die Werbeeinblendungen sind etwas aufdringlich! Auf dem Smartphone konnte ich diesen Artikel nicht lesen, weil er alle paar Sekunden von einer Anzeige überdeckt wurde oder eine neue Seite mit Werbung aufging …

    Antworten
  3. Interessante Zusammenfassung – vielen Dank. Hier ein paar meiner Gedanken dazu:
    o In dieser Situation gibt es einfach nicht *die* Lösung, die alle glücklich machen wird. Wir müssen damit leben, dass nicht alles perfekt ist. Das große Versäumnis besteht darin, dass wir nicht früher angefangen haben, Schritte hin zu einer sinnvollen Digitalisierung und Individualisierung des Schulbetriebs zu unternehmen.
    o Es muss auch nicht alles landesweit oder gar bundesweit einheitlich geregelt sein, denn ansonsten könnten sich ja gar keine unterschiedlichen Ansätze entwickeln.
    o Datenschutz ist sicher wichtig, darf aber kein Totschlagargument sein. Microsoft ist nicht böse, sondern lediglich eine Firma, die IT-Lösungen anbietet, die man mag oder auch nicht.
    o Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer. Auch wenn es im Moment eine gesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Staat gibt, zeigt sich an vielen Beispielen, dass man am Ende mit privatwirtschaftlich organisierten Lösungen wahrscheinlich besser fahren wird.
    o Alle ideologiegetriebenen Forderungen wie „es muss OpenSource sein“ helfen nicht weiter. Die Verantwortlichen müssen sich unter Beteiligung der Betroffenen zusammenraufen und ohne Scheuklappen nach guten Lösungen suchen. Die oben erwähnten Grabenkämpfe werden uns unseren Zielen nicht näherbringen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Windows 11 für Einsteiger und Umsteiger
%d Bloggern gefällt das: