Digitalisierung in Schulen: Frischer Wind oder laues Lüftchen? – Kommentar

Lüften, lüften, lüften: Ein gefährliches Virus brachte 2020 viel frischen Wind ins Klassenzimmer – auch beim Thema „Digitalisierung“. Die Corona-Zeit macht schonungslos sichtbar, welche Schulen dabei bislang auf Durchzug gestellt haben und welche Lehrkräfte digitale Tools in den Wind schlagen. Aktionismus kann die Versäumnisse aber nicht wettmachen: Spontan bestellte Tablets und Laptops sind zum Beispiel oft nicht lieferbar, und auch Fortbildungen regnen nicht plötzlich vom Himmel.

Die Nachfrage ist jedenfalls spürbar im Aufwind: Als Medientrainer könnte ich gerade rund um die Uhr Webinare anbieten – vor allem zu Grundlagen wie der Selbstorganisation am Computer oder dem Gestalten digitaler Arbeitsblätter. Online-Unterricht per Videokonferenz? Erklärvideos mit Animationen produzieren? Das sind für viele noch Luftschlösser!


In den vergangenen Jahren hatte ich oft die Gelegenheit, mich mit engagierten Lehrkräften aus aller Welt auszutauschen. Von Schweden bis Pakistan, von Argentinien bis Dubai, von Sri Lanka bis Neuseeland: Sie alle eint die Freude am Ausprobieren. Sie sind dankbar für die neuen Technologien und wollen viel dazulernen, um ihre Schüler*innen fit für die Zukunft zu machen.

Hierzulande vermisse ich diese Offenheit und Motivation oft: Freiwillig neue Kompetenzen erwerben? Sich selbstständig mal mit dem Computer beschäftigen? Pustekuchen! Das oft gepredigte „Lebenslange Lernen“ scheint ausgerechnet bei denen zu scheitern, die es im Unterricht überzeugend vertreten sollen. Oder steckt dahinter nur Unsicherheit? Das Gefühl, erst ein Informatikstudium absolvieren zu müssen, um das neue Whiteboard im Klassenzimmer bedienen zu können?


Wie kann man Lehrer*innen für die Digitalisierung begeistern?

Nun haben sich viele Schulen gezwungenermaßen auf den Weg gemacht. Für manche scheint digitaler Unterricht aber nur ein notwendiges Übel zu sein – maximal ein laues Lüftchen in der Corona-Zeit. Darüber hinaus fehlt ihnen immer noch eine Vorstellung davon, wie Schule auch langfristig von neuen Technologien profitieren kann.

In Seminaren mache ich jedenfalls die Erfahrung, dass man Lehrkräfte durchaus für die Sache begeistern kann. Sie müssen vor allem einen Sinn in der Anwendung digitaler Tools sehen! Sie müssen davon Wind bekommen, wie man mit Apps und Programmen viel Zeit sparen und Unterricht abwechslungsreich gestalten kann. Es braucht also mehr Praxis-Beispiele aus dem Schulalltag, mehr Austausch mit Vorreitern, Rückenwind beim Ausprobieren und vor allem die Einsicht, dass die Digitalisierung mehr ist als nur ein Sturm im Wasserglas.


Diesen Kommentar habe ich ursprünglich auf Anfrage für ein Fachmagazin im Bildungsbereich geschrieben. Weil es inhaltlich u. a. nicht der Haltung des dortigen Chefredakteurs und den Richtlinien der Redaktion entsprach, sollte es entschärft und umgeschrieben werden. Ich habe mich daraufhin gegen die dortige Veröffentlichung entschieden und stelle den Meinungsbeitrag stattdessen hier im Blog zur Verfügung. Bildet Euch selbst eine Meinung – und natürlich freue ich mich über Kommentare unter diesem Artikel.

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4 Gedanken zu „Digitalisierung in Schulen: Frischer Wind oder laues Lüftchen? – Kommentar“

  1. Hallo Stefan,
    welcher „Experte“ wollte Dir denn da widersprechen? Ich finde, die Wirklichkeit ist getroffen. Ich würde sogar noch etwas düsterer malen nach über 10 Jahren kommunaler Schulpolitik. Mein Fazit ist ernüchternd. In groben Strichen (Ausnahmen bestätigen die Regel): alle bemüht aber, Zuständigkeitswirrwarr, Dienst nach Vorschrift, widerständige, nervenschwache, mit und ohne Verschulden überforderte Lehrer, fordernde Eltern mit Besserwisserhabitus und arme, abwesende Familien, Schüler am Pol der Ohnmacht…und immer wieder fehlende Haushaltsmittel einerseits und nach der Anschaffung von Digitalausstattung Klagen, sie werde nicht genutzt, liege herum, komme ungenutzt schon wieder aus der Mode. (Whiteboards). Breitbandversorgung fehlt. Wlan floppt. Hausmeister macht grad etwas Anderes, IT-Kraft gibt es nicht. Schule! Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner, aber wie, wenn Du’s nicht weißt.
    Die Kinder, die Schüler sitzen in keinem Ausschuss, Ihre Lobby ist per se keine der traditionell beteiligten Gruppen ( Eltern, Lehrer, Politiker…) Sie fehlt einfach. Die Schüler selbst fordern die Funktion für sich auch nicht. Im Zeitalter von Fridays For Future. Warum?

    Unser System scheint reformunwillig und -unfähig, lahmt und lähmt, beweist eigentlich nur immer dann Kompetenz, wenn es reformiert werden soll (zuletzt Inklusion). Es erhält sich dann weitgehend unverändert. Und Corona wird es auch überleben, befürchte ich. Wie gesagt, ernüchternd.

    Beste Grüße
    Klaus Aßhoff

    Antworten
    • Es ist wirklich beschämend, und ich verstehe die Ernüchterung. Ich befürchte auch, dass viele der aktuellen Vorsätze die Corona-Pandemie nicht überdauern werden. Das System macht es allen Beteiligten sicher nicht leicht. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass jeder einzelne mehr machen kann als nur darauf zu warten, dass sich die Gesamtsituation ändert. Das ist eine Frage der Haltung und der persönlichen Neugierde. Und: Allein aus Eigennutz lohnt es sich doch, sich z.B. mit digitalen Technologien auseinandersetzen und dadurch viel Zeit zu sparen. So hat man als Lehrer*in nämlich wieder ein bisschen mehr Zeit für sich und die Schüler*innen …

      Antworten
  2. Sehr geehrter Herr Malter, vielen Dank für ihren Kommentar, der aber leider nur einen kleinen Teil des Problems anspricht. Bei meinem Dienstantritt an einer Realschule vor 10 Jahren, machte ich mich daran meine Materialien zu digitalisieren, um Abläufe so effizient wie möglich zu gestalten. Auch WhatsApp Gruppen wurden erstellt, um das Handy als Werkzeug im Unterricht benutzen zu können. Nahezu jedes dieser Werkzeuge wurde vom Schulamt „verboten“. Sei es aus datenschutzrechtlichen oder urheberrechtlichen Gründen. In diesem Jahr brachen dann die Dämme und die Fesseln wurden etwas gelockert. Dies reicht aber noch lange nicht aus. Wir brauchen unsere Unterrichtsmaterialien komplett digital und wir müssen sie bearbeiten dürfen. Keine digitalen Arbeitsblätter, die viel zu oft mehr Spielzeug als Unterrichtsmaterial sind. An meiner Schule werden kleine, wiederkehrende Fortbildungen von digital affinen Kollegen gegeben. Wir arbeiten mit office-teams. Jeder Lehrer bietet derzeit Onlineunterricht an. Man muss uns nur machen lassen und uns die Werkzeuge zur Verfügung stellen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Andreas Krahn

    Antworten
    • Hallo Herr Krahn,

      ganz herzlichen Dank für Ihre Einschätzung und Ihre wichtigen Ergänzungen. Ich gebe Ihnen vollkommen Recht: In meinem Kommentar habe ich nur Teile der Gesamtsituation abgedeckt. Es gibt auch nach meiner Erfahrung zahlreiche weitere nervige Hürden, die engagierte Lehrer*innen ausbremsen. Vor allem die (wichtigen) Diskussionen rund um den Datenschutz führen bei vielen zu Verunsicherung und behindern den Fortschritt vor Ort. Einen Kommentar dazu finden Sie ebenfalls in diesem Blog.

      https://microsoft365-fuer-lehrer.de/microsoft365/datenschutz-schule/

      Ich hoffe, dass ich mit den Praxis-Tipps in diesem Blog zumindest einigen Kolleg*innen den Einstieg ins digitale Unterrichten erleichtern kann.

      Beste Grüße und eine gute Zeit wünscht

      Stefan Malter

      Antworten

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