Zoff um Microsoft: Alte Diskussion, neuer Tonfall

Empörung ohne Ende – als ginge es um Leben und Tod: Die Diskussion um Microsoft-Software in Schulen verfolge ich schon seit Jahren. Als unabhängiger Medientrainer und Autor habe ich mich auf Wissensvermittlung zu Windows und Office für Lehrer spezialisiert. Ich kenne so ziemlich alle Argumente, die für und gegen die Nutzung von Microsoft Teams, OneNote & Co. in Schule und Unterricht sprechen. Beide Seiten finde ich nachvollziehbar. Der Tonfall der öffentlichen Diskussion erreicht gerade aber eine neue Qualität: Mich erschreckt, mit welcher Bösartigkeit und Gehässigkeit einige Aktivisten und Fundamentalisten den Diskurs führen – vor allem in den Sozialen Netzwerken. Ein Kommentar.

Argumente wie von rechten Populisten

Hasskommentare, Fake News und einseitige Stimmungsmache sind ja längst typisch für unsere Zeit. Gewöhnen will ich mich nicht daran. Auch deshalb stört es mich sehr, wenn selbsternannte Wächter von Gut und Böse einseitig poltern, die einige Wahrheit bei sich sehen und Andersdenkende sogar persönlich anfeinden. Meinungstoleranz? Fehlanzeige! Wenn Lehrende öffentlich Microsoft-Software befürworten, werden sie von Gegnern gerne mal an den Pranger gestellt, als dummgläubige PR-Opfer lächerlich gemacht oder sogar als Feinde unserer Grundrechte geächtet. Geht’s auch mal ’ne Nummer kleiner?

Mich erinnert der Diskurs zuweilen sehr an die Argumentationsstrukturen von rechten Populisten und den sogenannten „Querdenkern“. Letztere kapieren zum Beispiel nicht, dass man sich gleichzeitig einen konsequenten Lockdown wünschen UND die Corona-Maßnahmen der Regierung kritisieren kann. Genauso kann man eben auch die Einhaltung von Datenschutz fordern UND professionelle Software von kommerziellen Anbietern bevorzugen. Dass es für den Einsatz an Schulen endlich verlässliche Vereinbarungen geben muss, habe ich in einem früheren Blog-Artikel schon gefordert. Bis dahin ist die bewusste Entscheidung von Schulen für Microsoft 365 Education aber noch lange kein Pakt mit dem Teufel.

Kaum zu glauben und an Schäbigkeit schwer zu überbieten: Microsoft-Gegner haben einzelne Lehrkräfte sogar schon bei Behörden gemeldet, weil diese kommerzielle Software nutzen – vorab übrigens von den örtlichen Datenschützern offiziell gestattet. Mir sind mittlerweile schon mehrere solcher Einschüchterungsversuche bekannt. Einer der Akteure ist übrigens selbst Lehrer – also quasi Kollege – und sogar gewerkschaftlich engagiert. Dieses Denunziantentum finde ich beschämend und macht mich fassungslos!

Entscheidungen der Datenschützer: Politisch motiviert?

Pauschale Hetzkampagnen gegen US-Konzerne wie Microsoft bringen jedenfalls niemanden voran – vor allem nicht den Diskurs und erst recht nicht die Digitalisierung an Schulen. Zur Erinnerung: Wir stecken gerade in einer weiteren Hochphase der Corona-Pandemie. Nach meiner Erfahrung brauchen Schulen und Lehrkräfte jetzt vor allem Unterstützung, Entlastung und vor allem Verlässlichkeit. Was Schulen gerade nicht brauchen: Politisch motivierte Grundsatzdiskussionen und erst recht keine Wechsel weg von funktionierenden Software-Lösungen. Deshalb kritisiere ich vor allem den Zeitpunkt solcher Entscheidungen, zum Beispiel des angekündigten Verbots von Microsoft Teams als Videokonferenzsystem an hessischen Schulen. Die bisherige Duldung soll im August enden, die versprochene Alternative aber erst zum kommenden Schuljahr zur Verfügung stehen. Schüler*innen in Hessen wollen das Verbot gerade mit einer Online-Petition kippen:

Wie uneindeutig die Lage offenbar ist, zeigt ein Ländervergleich mit drei bemerkenswert unterschiedlichen Einschätzungen:

  • In Baden-Württemberg wiederum „empfiehlt der LDfI, von der Nutzung der erprobten MS-Produkte im Schulbereich abzusehen“ – also auch von Office 365. Vorausgegangen waren ein umstrittener Pilotversuch und der Protest mehrerer Organisationen. Unklar ist, welche Konsequenz diese noch recht frische Empfehlung für die 1.200 betroffenen Schulen haben wird.

Die Frage liegt nahe: Warum kommen Datenschutzbeauftragte in verschiedenen Bundesländern zu so unterschiedlichen Bewertungen – nach jeweils monatelangen Prüfungen? Der Einsatz von Microsoft-Software an Schulen müsste doch entweder rechtswidrig sein – oder eben nicht. Eine entsprechende Gerichtsentscheidung gibt es nach meiner Kenntnis bislang nicht. Man bekommt zwangsläufig den Eindruck, dass die Einschätzungen der Datenschützer durch laute Proteste beeinflusst werden können und auch politisch motiviert sind. Schließlich haben einige Schul- und Kultusministerien nun ein Interesse daran, ihre für viel Geld in Auftrag gegebenen Lehr- und Lernplattformen zu pushen.

Mir kommt in den meist einseitigen Diskussionen auch zu kurz, dass es sich hier keineswegs um „Eigenentwicklungen“ der Ministerien selbst handelt. Hier entstehen Abhängigkeiten von mehr oder weniger bekannten Dienstleistern. Jüngstes Beispiel: Bayern setzt in Kürze aufs ziemlich unbekannte Videokonferenzsystem Visavid einer regionalen Firma, das sich für den Bildungsbereich noch bewähren muss. Ob und wie Betrieb, Entwicklung und Support der vielen verschiedenen Plattformen langfristig gesichert sind, ist aus den Ministerien meist nicht bekannt.

Hinweis auf PayPal

Glaubt man den Erfahrungsberichten in Foren und Netzwerken, können die selbst aufgebauten Angebote bislang nicht mit dem Funktionsumfang, mit der Benutzerfreundlichkeit und mit der Verlässlichkeit der kommerziellen Tools mithalten. Ob sie das überhaupt sollten und müssen, darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Im Austausch mit Open-Source-Verfechtern komme ich aber immer wieder an denselben Punkt: Ernstzunehmende Alternativen zu beliebten All-In-One-Tools wie Microsoft Teams, OneNote und Microsoft Forms können sie nie nennen. „Hauptsache nichts von Microsoft.“

Kommerzielle Produkte in Schulen – eine Grundsatzfrage!

Natürlich darf man sich grundsätzlich gegen kommerzielle Produkte in der Schule aussprechen. Hardliner wollen ausschließlich mit Linux als Betriebssystem sowie freier Open-Source-Software auskommen. Wenn das in einzelnen Schule gut klappt, finde ich das toll und beeindruckend. Für massentauglich halte ich die Kombination nicht, den Fortbildungsaufwand dagegen für immens. Um beliebte Distributionen wie Ubuntu oder Linux Mint für Kollegium und Schülerschaft verlässlich einzurichten und zu betreuen, fehlen vor Ort auch meist das Know-how sowie die notwendigen personellen Ressourcen.

Zurück zum Diskurs: Ärgerlich finde ich, wie unangenehm vehement einige Linux-Verfechter im Foren und Sozialen Netzwerken auftreten. Sie wägen sich auf der einzig richtigen Seite und werten zufriedene Nutzer von Windows und Office immer wieder pauschal ab – als wären diese nur unkritische Gehirnwäsche-Opfer eines US-Konzerns. Ich bin jedenfalls kein Fan solcher „Religionskriege“ und gönne jedem seine bevorzugte Software-Lösung.

Schule ohne kommerzielle Produkte, komplett ohne Abhängigkeiten von Firmen: Das klingt für mich allerdings wie die romantische Utopie in einer idealen Welt. Wer diese Agenda vertritt, sollte den Verzicht auf kommerzielle Produkte dann bitte auch konsequent zu Ende denken:

  • Dann dürften m. E. auch viel gepriesene Schul-Lösungen wie das itslearning LMS nicht genutzt werden, das auf die AWS-Cloud von Amazon setzt. Auch Bestandteile anderer Schulportale setzen auf Unterstützung kommerzieller Anbieter. Wird hier mit zweierlei Maß gemessen?
  • Dann dürften auch Dienstgeräte und Schülergeräte wie iPads von Apple, Windows-Laptops und Chromebooks von Google nicht angeschafft werden. Das passiert aber gerade massenhaft und schafft Abhängigkeiten von den Betriebssystemen der kommerziellen Anbieter. Linux läuft übrigens in der Regel auch auf Hardware kommerzieller Hersteller …
  • Dann müsste man auch komplett auf Unterrichtsmaterial von Schulbuchverlagen verzichten, die mit ihren Publikationen zweifelsohne Geld verdienen. Wie oft richten sich Lehrpläne nach bestimmten Schulbuchreihen, die aufeinander aufbauen und in der Schullaufbahn nicht ohne Weiteres gewechselt werden können? Alternativ dürfte dann ausschließlich selbst erstelltes oder frei verfügbares Lehrwerk zum Einsatz kommen.
  • Auf die Spitze getrieben: Was hieße das eigentlich für alle anderen Produkte von Firmen – vom Smartboard bis zum Mobiliar? Was heißt das für kommerzielle Dienstleistungen? Wie sähe Schule aus, wenn man das konsequent zu Ende denken würde? Oder sind Firmen nur erwünscht, wenn es nicht anders geht?

Microsoft: Vom Lückenfüller zum Hassobjekt

Machen wir uns ehrlich: Zu Beginn der Corona-Pandemie haben viele Schulen auf Microsoft-Software gesetzt, um kurzfristig und verlässlich Online-Unterricht anbieten zu können – auch aus Mangel an Alternative. In den Jahren und Jahrzehnten zuvor haben es Bund und Länder nämlich bekanntermaßen versäumt, digitale Lösungen für Schulen zu entwickeln und anzubieten. Programme wie Microsoft Teams und OneNote haben also schlicht eine Lücke gefüllt – falls sie nicht vorher schon an der Schule im Einsatz waren. Dafür jetzt nachträglich Microsoft als Unternehmen pauschal zu verteufeln, halte ich für unfair und unsachlich. Selbst sonst sehr geschätzte Online-Medien beteiligen sich gerne an der einseitigen und klickträchtigen Erzählung vom bösen Goliath, der Schulen unterwandert.

Zur Wahrheit gehört auch: Microsoft ist ein Unternehmen, das Geld verdienen möchte. Schulen und Bildungseinrichtungen können Microsoft 365 Education kostenlos nutzen. Dahinter steckt sicherlich keine reine Nächstenliebe, sondern eine Strategie: Man will Schüler*innen wohl an die Software gewöhnen, damit diese auch nach der Schulzeit treue Kunden bleiben. Das darf man kritisieren. Rechtswidrig oder verwerflich ist das nicht. Ich persönlich bezweifle auch, dass daraus zwangsläufig eine lebenslange „Abhängigkeit“ und „Unmündigkeit“ entsteht, wie es viele Aktivisten befürchten.

Selbst wenn Microsoft die Bedenken der Datenschützer irgendwann ausräumen kann, wird das die Hardcore-Gegner vermutlich nicht besänftigen. Für den sachlichen Diskurs wäre es trotzdem hilfreich, wenn sich der Konzern hier nochmal spürbar bewegen würde und endlich keinen Zweifel daran lässt, dass man ihm seine Daten nachweislich sorgenfrei anvertrauen kann. Unklar ist zum Beispiel, in welchem Umfang anonymisierte Telemetrie-Daten über die Nutzung und zur Verbesserung der Software abgegriffen und versendet werden. Ein Knackpunkt ist auch noch der sogenannte CLOUD Act: In Einzelfällen können US-Behörden auf Daten in der EU zugreifen – etwa zur Strafverfolgung. Im Hintergrund scheint Microsoft Deutschland dazu mit den Behörden im Austausch zu stehen. Aus der öffentlichen Diskussion hält sich der Konzern zur Zeit eher zurück. Dass man das Thema wie ein „heißes Eisen“ behandelt, nährt leider auch die Skepsis der Kritiker.

Medienkompetenz als Teil der Lösung

Wer mich in Seminaren und Workshops persönlich erlebt hat, kennt meine Meinung als Medientrainer vermutlich schon: Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen! Ich finde: Schüler*innen sollten SOWOHL nicht-kommerzielle Tools ALS AUCH professionelle Software kennenlernen. Zur Medienkompetenz gehört es nämlich, verschiedene gängige Programme sicher zu bedienen, deren jeweilige Vor- und Nachteile einzuschätzen und dann als mündige Nutzer*innen selbst eine Entscheidung für das richtige Werkzeug treffen zu können. Das Thema Datenschutz lässt sich dabei zudem wunderbar im Unterricht unterbringen. Berufsvorbereitend halte ich den Umgang mit Microsoft Office für unverzichtbar, solange die Programme Standard in vielen Unternehmen sind. Schule darf keine Parallelwelt sein und alles ausklammern, was ihr anrüchig erscheint. Lehrende müssen immer auch im Blick behalten, welche Fähigkeiten die moderne Lebens- und Arbeitswelt erfordert. Diese zu lehren, klappt auch ohne personenbezogene Daten.

Hinweis auf PayPal

Zu definieren wäre auch noch das Selbstverständnis der Einrichtungen vor Ort: Versteht sich eine Schule als Institution, die wie ein Unternehmen reibungslos funktionieren und auf Wunsch kommerzielle Software für die interne Organisation nutzen dürfen sollte? Das wäre für Lehrkräfte unter bestimmten Voraussetzungen ja möglich – parallel zu den angebotenen Lernplattformen für die Schüler*innen. Die Einrichtungen vor Ort wissen nach meiner Erfahrung am besten, welche Lösung sie für den Alltag brauchen. Wir sollten Schulleitungen und Schulträgern vor Ort zutrauen, Verantwortung für ihre Einrichtung zu übernehmen und kluge Entscheidungen zu treffen.

Die Datenschutzfrage endgültig zu klären, finde ich also wichtig, aber eben zum jetzigen Zeitpunkt nicht dringend. Schulen und Lehrer*innen haben gerade wahrlich andere Sorgen. Dass die Diskussionen um Microsoft-Software im Bildungsbereich zeitnah zu einem Ende kommen, ist jedenfalls nicht zu erwarten. Zu aufgeheizt scheint die Stimmung, zu laut die Proteste von Interessensverbänden, zu unklar die Rechtslage in den Bundesländern, zu groß noch die Kritik an den alternativ angebotenen Plattformen. Vielleicht sollte man es wirklich mal zu einer Gerichtsentscheidung kommen lassen. Wie emotional und mit wie viel aggressiver Energie diese alte Diskussion gerade geführt wird, befremdet mich jedenfalls sehr. Das ist in der aktuellen Situation ganz schön viel Reibungsverlust, zusätzlicher Stress für Schulen und wahnsinnig viel Lärm um vergleichsweise wenig. Denn um „Leben und Tod“ geht es gerade auf Intensivstationen, aber sicher nicht beim Thema Datenschutz.

1 Gedanke zu „Zoff um Microsoft: Alte Diskussion, neuer Tonfall“

  1. „Um beliebte Distributionen wie Ubuntu oder Linux Mint für Kollegium und Schülerschaft verlässlich einzurichten und zu betreuen, fehlen vor Ort auch meist das Know-how sowie die notwendigen personellen Ressourcen.“
    Das trifft meiner Meinung nach nicht nur auf Linux zu, sondern ist ein generelles Problem an Schulen. Auch Windows will betreut werden und benötigt genau so Know-How und Ressourcen, ganz zu schweigen von allen möglichen Plattformen, egal ob offen oder nicht…

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